Presse

Für die Ausgabe 4/2017 von Schrot & Korn bin ich im Zusammenhang mit meinem Engagement beim Ernährungsrat Berlin von dem Journalisten Michael Billig interviewt worden. Sie können den Text auch im Archiv von Schrot & Korn aufrufen.

 

"Es geht um unser Essen"

POLITIK In immer mehr Städten formieren sich Ernährungsräte. Sie wollen mehr Mitbestimmung auf unseren Tellern. Was genau tun sie? // Michael Billig

Das Essen kommt aus der Großküche. Immer der gleiche Brühwürfel. Immer derselbe Geruch. Das Bild, das die Erzieherin Daniela Marx von dem Ernährungsangebot in Kindertagesstätten zeichnet, macht nicht gerade Appetit. Die 50-jährige Berlinerin kritisiert aber nicht nur, was in vielen Kitas auf den Tisch kommt. Sie beklagt auch, dass die Kinder von der Zubereitung ihrer Speisen ausgeschlossen werden: „Sie bekommen Besteck in die Hand gedrückt und das Essen vorgesetzt. Sie werden becatert.“

Wo das Gemüse auf ihren Tellern herkommt, wie es angebaut oder verarbeitet wird, davon bekommen sie nichts mit. „Wir liefern dem Ernährungssystem die unmündigen Konsumenten, die es braucht“, sagt die Erzieherin. Damit aus Kindern selbstbestimmte Bürger und Verbraucher werden, sei es aber wichtig, sie schon in ganz jungen Jahren teilhaben zu lassen. Davon ist Daniela Marx überzeugt. Und dafür setzt sie sich ein. Neben ihrer Arbeit als Erzieherin leitet sie Workshops über nachhaltige Entwicklung und richtet sich damit speziell an die Männer und Frauen ihrer Zunft. „Auf diese Weise erreiche ich dann auch die Kinder“, hofft sie. Doch sie will auch die erreichen, die die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Erzieherinnen und Lehrer grundsätzlich arbeiten. Politiker, Verwaltungsangestellte und andere Entscheidungsträger. Um sich bei ihnen mehr Gehör zu verschaffen, hat sich Marx in Berlin einem sogenannten Ernährungsrat angeschlossen. Ein solches Gremium könne das etablierte Ernährungssystem auf den Kopf stellen, so hoffen die Akteure.

 

Ihre Kritik: Aktuell wird das Ernährungssystem von Agrarkonzernen und Lebensmittelketten beherrscht. Sie garantieren der westlichen Welt Vollversorgung, erschwingliche Preise und Wohlstand. Sie stehen jedoch auch für eine Entfremdung zwischen Erzeugern und Konsumenten, für Tierfabriken, Verschwendung und Umweltschäden. Menschen wie Daniela Marx bekämpfen dieses System daher. Doch bislang jeder auf seinem Terrain. Jetzt wollen sie ihre Kräfte bündeln. Es gibt Aktivisten, die gärtnern zwischen Wohnblöcken dagegen an, dass die Stadtmenschen nicht völlig den Bezug zu Obst und Gemüse verlieren. Andere engagieren sich in Food-Sharing-Initiativen, retten Lebensmittel aus Mülltonnen und unterstützen die solidarische Landwirtschaft. Bestimmte Teile der Bevölkerung haben ihre Nischen gefunden. Aber die Macht der Konzerne brachten sie bislang nicht ins Wanken.

Wo bleibt die Mitbestimmung? 

Nach wie vor kontrollierten die Agrar- und die Lebensmittelindustrie von der Pflanzen- und Viehzucht über den Anbau und die Haltung bis zur Verarbeitung und den Vertrieb alle Produktionsschritte und sämtliche Abschnitte der Lieferkette. Insofern bestimmen die Konzerne, was in unseren Supermärkten, in Kitas und auf den Tellern zu Hause landet. Besonders bedenklich ist die Entwicklung, dass immer weniger Konzerne immer mehr Marktmacht auf sich vereinen. Für die Bürger gibt es kaum Möglichkeiten, da ein Wörtchen mitzureden. Kritiker sprechen auch von einer Entdemokratisierung des Ernährungssystems. Diese Entwicklung hat viele Ursachen. Neben Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung nennt der promovierte Raumplaner und Buchautor Philipp Stierand vor allem einen Grund: „Die Städte in Deutschland verfolgen keine eigene Ernährungspolitik.“ In einer Kommune gibt es Umwelt-, Gesundheits- und Gewerbeämter, Ausschüsse für Verkehr, für Soziales und für Kultur, aber nichts für den Bereich Ernährung.

„In Stadtentwicklungskonzepten kommt das Thema ebenfalls nicht vor“, ergänzt Stierand. Der Experte aus Dortmund befasst sich schon mehrere Jahre mit kommunaler Ernährungspolitik und kommt zu dem Schluss: „In Städten wird immer weniger erzeugt, verarbeitet und gekocht. Damit wird nicht nur Arbeit, sondern auch Know-how und Verantwortung abgegeben.“ Man konsumiere nur noch.

 

Mit Ideenküchen gegen Großkonzerne

 

Berliner Stadtgärtner, Bauern aus Brandenburg und viele andere Menschen wollen aber nicht mehr nur herunterschlucken. Sie wollen über das Ernährungsangebot in ihrer Region mitbestimmen und haben im April 2016 in Berlin den Ernährungsrat ins Leben gerufen. Bis zu 80 Teilnehmer kommen zu ihren Vollversammlungen. Sie treffen sich außerdem in kleineren Gruppen, um zu konkreten Themen wie „Umweltschutz“ und „Faire Marktstrukturen“ an ihren Positionen zu feilen. „Ideenküche“ nennen sie diese Treffen. Sie hören Vorträge, führen Debatten, fassen Beschlüsse, stellen Forderungen auf und versuchen mehr Menschen für sich zu gewinnen. Das ist es, was ein Ernährungsrat macht. „Er leistet politische Arbeit“, sagt Stierand. In Berlin stehen sie damit aber noch am Anfang.

Anderswo ist man schon sehr viel weiter. Zum Beispiel im britischen Brighton and Hove, wo Stierand für seine Doktorarbeit forschte. „Überall in der City gedeihen urbane Gärten“, berichtet er von einem Aufenthalt in der 280.000 Einwohner zählenden Gemeinde an der Südküste Englands. Der Ernährungsrat heißt dort „Food Partnership“ und unterstützt mehr als 100 Projekte. Sie reichen Stierand zufolge von einer Gartenstrategie über Bio-Essen in Schulen bis zu Kochkursen für Jugendliche.

 

Die Wiege steht in den USA

 

Im Ernährungsrat von Berlin arbeiten die Mitglieder ehrenamtlich. Die „Food Partnership“ von Brighton and Hove verfügt über 22 feste Mitarbeiter, bezahlt überwiegend mit Geld der öffentlichen Hand. Noch bemerkenswerter findet Experte Stierand den Einfluss, den das Gremium in der Gemeinde gewonnen hat: „Es kann Vorlagen in den Stadtrat einbringen und zur Abstimmung stellen. Stimmt die Politik dafür, muss es die Verwaltung umsetzen.“ Brighton and Hove sei damit ein Vorreiter in Europa. Die Wiege der Ernährungsräte steht anderswo: In Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee. Dort wurde vor mehr als 35 Jahren die Idee eines Rates, der sich speziell mit der Ernährungsstrategie einer Stadt befasst, geboren. Die Gründung geht auf die dortige Universität zurück. Wissenschaftler hatten festgestellt, dass sich die ärmeren Bevölkerungsgruppen von Knoxville kaum frische Lebensmittel kaufen konnten, stattdessen viel Junkfood konsumierten. Der nächste Gemüsemarkt war einfach zu weit weg. Um eine gesündere Nahversorgung zu organisieren, richtete die Stadt ein „Food Policy Council“ ein: den ersten Ernährungsrat weltweit.

 

Heute soll es rund um den Globus mehr als 200 Ernährungsräte geben, die meisten in Nordamerika, Brasilien und Großbritannien. In jüngerer Vergangenheit erreichte die Idee auch das europäische Festland. Im vergangenen Jahr wurden die beiden ersten Ernährungsräte in Deutschland gegründet. Den Anfang machte im März 2016 Köln. Die Initiative dazu ging von Valentin Thurn und seinem Verein „Taste of Heimat“ aus. „Über unser Essen wird weit weg von uns entschieden, in Konzern-Zentralen und in den Behördenstuben der Europäischen Union“, begründet der Dokumentarfilmer („10 Milliarden“) sein Engagement. „Wir wollen das wieder in unsere Hände nehmen.“

 

Dem Kölner Ernährungsrat gehören neben Vertretern von Initiativen und Bauern aus dem Umland auch ein Metzger, ein Bäcker und ein Müller an. Lokalpolitiker und Mitarbeiter der Stadtverwaltung sitzen ebenfalls in dem Gremium. Die Stadt finanziert die Stelle einer Geschäftsführerin. Gemeinsam wollen sie dafür sorgen, dass mehr Kölner einen Zugang zu gesunden und regional produzierten Lebensmitteln erhalten. „Wir wollen wieder mehr Erzeugermärkte. Die Bauern sollen in die Stadt, die Stadtbewohner zu den Bauern kommen. Wir wollen ökologisch hergestelltes Essen in Kitas und Ernährungsberater in Schulen“, verrät Filmemacher Thurn nur einige Ziele.

Auch in Oldenburg, Hamburg und anderen deutschen Städten gibt es Menschen wie Daniela Marx und Valentin Thurn. Auch sie haben die passive Konsumentenrolle satt und suchen nach Wegen, die Gesellschaft aus der Abhängigkeit von Konzernen und Ketten zu befreien. Ein Ernährungsrat könnte für diese Revolution genau das richtige politische Werkzeug sein.

 

Gemeinsam Zukunft gestalten!

Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben mit der 2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung einen Fahrplan entwickelt, durch den eine nachhaltig soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung in der gesamten Welt in Gang gesetzt wird. Dafür wurden diese 17 Nachhaltigkeitsziele formuliert.

 

Hochwertige und inklusive Bildung ist der Schlüssel für die Teilhabe jedes Menschen an der lokalen und globalen Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele. Mit der Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung, der BNE,  wurde in Deutschland ein Konzept entwickelt, welches die dafür benötigten Fähigkeiten und Teilkompetenzen des Einzelnen zu der Gestaltungskompetenz weiterentwickelt. In Berlin ist die BNE 2014 auch in das Berliner Bildungsprogramm für Kindertagesstätten aufgenommen worden.

 

Mehr Informationen zu der Agenda 2030 und die Broschüre "Transformation unserer Welt - Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" finden Sie hier. Die 17 Nachhaltigkeitsziele können hier kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden.